Unsere
Zeiteinteilung nach Jahren und Monaten richtet sich nach der Sonne bzw. dem
Mond. Sie entspricht einem in der Natur zu findenden Rhythmus und ist in
der Naturordnung begründet. Die Woche
dagegen entspricht keinem Zeitablauf in der Natur. Weder die Sonne
noch der Mond oder die Sterne zeigen sie an, keine biologische Uhr weist
auf sie hin. Sie rührt vom jüdischen Sabbat her. Aber
gerade die Wocheneinteilung erscheint uns als geradezu
selbstverständlich und, ungeachtet ihrer
"Unnatürlichkeit", einer natürlichen Ordnung entsprechend. Ein
bemerkenswerter Sachverhalt.
Das Sabbatgebot und damit verbunden der Wochenrhythmus finden sich im
Dekalog (Zehnwort). Und gerade beim Sabbatgebot besteht auch der wesentlichste Unterschied zwischen den
beiden Fassungen des Dekalogs. Denn in beiden finden sich höchst
unterschiedliche Begründungen:
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Dtn 5,15 verweist auf die Geschichte (Auszug aus
Ägypten - Exodus), |
 | Ex 20,11 bezieht sich auf die Schöpfung. |
nach oben |
"Sabbat" - was meint das?
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Auch der Kalender der Babylonier weist ein "schabattum /
schapattum" auf. Gemeint ist damit das Fest am 15. Tag im Mondmonat, also
am Vollmondtag. Feiertage am 1. Tag des Monats (Neumond) und am
15. Tag (Vollmond) sind in vielen vorderorientalischen Kulturen gegeben.
So kennt auch die kanaanäische Religion regelmäßige besondere Opfer
an den Neumond- und Vollmondtagen. Ob dieser mesopotamische "schabattum" direkter Vorläufer des jüdischen
Sabbat ist, ist jedoch nicht geklärt.
Das hebräische Nomen Sabbat könnte
einerseits jedenfalls ein Lehnwort sein zu diesem babylonischen "schabattum".
Es kann aber auch abgeleitet werden vom hebräischen Verb "schbt"
- "aufhören, ruhen". Dieses hebräische Verb "schbt" ist ein "Negationsverb", und
damit meint Sabbat den "Leermond", also die mondlose
Nacht mitsamt dem dazugehörigen Tag zwischen den Mondphasen. Die im AT
gelegentlich nebeneinander gegebenen Begriffe von Neumond
und Sabbat meinen demnach Anfang (Neumond) und Ende (Leermond) des
Mondmonats. Sabbat bezieht sich dabei also nicht auf den 15., den
Vollmondtag. So heißt es beispielsweise in Amos 8,5:
"Wann ist der Neumond vorüber? Wir wollen Getreide verkaufen. Und der Sabbat? Wir wollen Korn
anbieten."
Oder bei Jes 1,13 f:
"Bringt mir nicht länger sinnlose Gaben,
Rauchopfer, die mir ein Greuel sind. Neumond und Sabbat und
Festversammlung - Frevel und Feste - ertrage ich nicht. Eure
Neumondfeste und Feiertage sind mir in der Seele verhasst, sie sind
mir zur Last geworden, ich bin es müde, sie zu ertragen."
Diese Zusammengehörigkeit von Neumond und Sabbat
würde demnach besagen, dass zur Zeit dieser Propheten (also im 8. Jh.
v. Chr.) das Wort Sabbat den letzten Tag im Mondmonat (Leermond)
bezeichnet.
Daraus ergibt sich:
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Ist das Wort "Sabbat" ein Lehnwort, dann
ist ursprünglich der Vollmondtag (15. Tag)
gemeint. |
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Die alttestamentliche Verbindung von Neumond und Sabbat legt
aber auch nahe, dass damit Anfang und Ende des Mondmonats gemeint ist. |
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Ungeachtet dessen, wie dies zu entscheiden ist, gilt jedenfalls: Vor dem Exil meint Sabbat
in jedem Fall in
Israel nicht einen bestimmten Wochentag, sondern einen einmal im Monat
vorkommenden Tag in der Mondphase, der als Sondertag einer bestimmten
Feiertagsordnung unterlag. |
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Der Rhythmus von 6 + 1
Auch der Rhythmus "6+1" findet sich anderswo in den vorderorientalischen Kulturen. In Kanaan gab es
beispielsweise die Landbrache im siebten
Jahr. Diese beruhte wohl auf der Vorstellung, dass nach sechs Jahren
zur Erreichung der "Fülle" - das ist im Semitischen die symbolische Bedeutung
der Zahl 7- eine Regeneration des Bodens erforderlich ist. Auch für
Israel war im Bundesbuch festgeschrieben:
"Sechs Jahre kannst du in
deinem Land säen und die Ernte einbringen; im siebten sollst du es
brach liegen lassen und nicht bestellen. Die Armen in deinem Volk sollen
davon essen, den Rest mögen die Tiere des Feldes fressen. Das gleiche
sollst du mit deinem Weinberg machen und mit deinen Ölbäumen."
(Ex 23,10 ff).
(Zum Sabbatjahr vergleiche auch Neh 10,32; Josephus,
Jüdische Alterümer, Buch 14, Kap. 10, Abs. 6; ders. Buch 14, Kap. 16,
Abs. 2; ders. Buch 16, Kap. 1, Abs. 2.) Wohl als unmittelbare Fortsetzung dieser sozial
motivierten Landbrache findet sich in den ältesten
Gesetzessammlungen (Bundesbuch, wohl 9. Jh. v. Chr.) dann die Ruhetagsregelung, die
eine Arbeitsruhe am siebten Tag mit der Absicht verlangt, dass alle Arbeitenden bis hin zu den Arbeitstieren ausruhen
dürfen.
"Sechs Tage kannst du deine Arbeit verrichten, am
siebten Tag aber sollst du ruhen, damit dein Rind und dein Esel ausruhen
und der Sohn deiner Sklavin und der Fremde zu Atem kommen." (Ex
23,12)
Eine solche Ruhetagsregelung hat auch ein Äquivalent in
altorientalischen Arbeitsverträgen, doch ist damit noch nicht eine
durchgängige Zeitstruktur vorgegeben. Diese Regelungen betreffen
lediglich die Arbeitenden während der Zeit der Arbeitsphasen. Wenn in
Ex 34,21 steht: "Sechs Tage sollst du arbeiten, am siebten Tag
sollst du ruhen, zur Zeit des Pflügens und des Erntens sollst du
ruhen", bedeutet dies, dass speziell in dieser Zeit der benannte
Rhythmus einzuhalten ist als soziale Leistung gegenüber den
Arbeitenden. Daraus ergibt sich während der Feldarbeitszeit ein
Wochenrhythmus. Denkbar ist, dass das "Wochenfest" (Schawuot) am
Abschluss dieser Periode von daher seine Bezeichnung hat. Die
Bezeichnung Sabbat jedoch erscheint in diesem Zusammenhang nicht. In
Dtn
5, der älteren Dekalogfassung aus vorexilischer Zeit (Beginn des 6. Jh.
v. Chr.), findet sich dann jedoch eine Synthese. "Der siebte Tag aber
soll ein Sabbat sein." (Dtn 5,14). Hier also wird nunmehr
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der besondere Tag, der mit der Zeitmessung zu tun
hat (Sabbat), |
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mit der Ruhetagsregelung im Rahmen der
Arbeitsgesetze ("der siebte Tag") verbunden und |
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mit einer Erinnerung an das Sklavendasein in
Ägypten verknüpft: "Gedenke, dass du im Lande
Ägypten Sklave warst, und dass dich Jahwe, dein Gott,
herausgeführt hat mit starker Hand und ausgestrecktem
Arm." (Dtn 5,15) |
 | Dieser nach sechs Tagen jeweils wiederkehrende Ruhetag
soll ein Feiertag sein. Dieser Festtagscharakter klingt noch nach im Verb "schmr"
(bewahre, beachte, hüte). |
Damit ist nicht nur der "Wochen-Sabbat",
sondern ein Rhythmus als Zeitmaß vorgegeben, der nicht
begründet ist mit der Naturordnung, sondern in einem heilsgeschichtlichen
Ereignis aus der Geschichte Israels: der Befreiung vom Sklavendasein in
Ägypten. nach oben |
Die verborgene
Schöpfungsordnung der priesterschriftlichen Autoren
Das Zeitbewusstsein des Wochensabbats ist Grundlage
der Schöpfungsvorstellung dann in Gen 1,1 - 2,4a. Der Erschaffung
des Raumes in Gen 1,6-8 geht als erstes Schöpfungswerk Gottes die
Erschaffung der Zeit voraus.
"Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde
Licht. Gott sah, dass das Licht gut war. Gott schied das Licht von der
Finsternis, und Gott nannte das Licht Tag, und die Finsternis nannte
er Nacht. Es wurde Abend, und es wurde Morgen: ein Tag." (Gen
1,3-5)
Hier wird durch Gott nicht das Sonnenlicht
erschaffen, dies geschieht am 4. Tag:
"Dann sprach Gott: Lichter sollen am
Himmelsgewölbe sein, um Tag und Nacht zu scheiden. Sie sollen Zeichen
sein und zur Bestimmung von Festzeiten, von Tagen und Jahren dienen;
sie sollen Lichter am Himmelsgewölbe sein, die über die Erde hin
leuchten. So geschah es. Gott machte die beiden großen Lichter, das
größere, das über den Tag herrscht, das kleinere, das über die
Nacht herrscht, auch die Sterne. Gott setzte die Lichter an das
Himmelsgewölbe, damit sie über die Erde hin leuchten, über Tag und
Nacht herrschen und das Licht von der Finsternis scheiden. Gott sah,
dass es gut war. Es wurde Abend, und es wurde Morgen: vierter
Tag." (Gen 1,14-19)
Als erstes Schöpfungswerk erfolgt in Gen 1,3-5 die
Benennung von Licht und Finsternis als Tag und Nacht. Erschaffen wird
hier der 24-Stunden-Tag, bestehend aus heller und dunkler Phase mit den
beiden Anfangspunkten Abend und Morgen. Erschaffen wird als erstes
Schöpfungswerk Gottes also die Zeit. Die abschließende Tagesformel
lautet hier bezeichnender Weise auch nicht "erster Tag",
sondern "ein Tag". Die Tagesformel in
Gen 1,1 - 2,4a strukturiert die gesamte Schöpfung als Folge von 7 Tagen im Rhythmus 6
+ 1. Das Schöpfungswerk Gottes endet am 6. Tag dann mit der Formel:
"der sechste Tag." Nach dem 7. Tag findet sich die
abschließende Tagesformel nicht mehr. Fazit: In Gen
1,1 - 2,4a ist nach der Erschaffung der Zeit am ersten Tag der Rhythmus der Woche
mit 6 + 1 als
eine "Naturordnung" gesehen, der Gott selbst bei seinem
Schöpfungswerk unterliegt. nach
oben |
Israel erfährt die verborgene Naturordnung der
7-Tage-Woche
Diese "Naturordnung" der 7-Tage-Woche ist
jedoch aus der Natur nicht zu erkennen, sie ist auch nicht logisch zu
begründen und ist damit im strengen Sinn kein "Naturrecht",
sondern entstammt der besonderen und einmaligen Erfahrung, die Israel in
seiner Geschichte mit Gott gemacht hat. Im Buch
Genesis begegnet uns der Wochenrhythmus (6 + 1) angefangen bei den
Patriarchenerzählungen bis hin zu Mose und den Israeliten in Ägypten
nirgendwo. Er war offensichtlich noch unbekannt. In Ex 16,13-36 erstmals
wird deutlich gemacht, dass der siebte Tag der Woche etwas Besonderes
ist: Dies erfahren die Israeliten durch das Manna-Wunder. Gott ernährt
sein Volk auf dem Zug durch die Wüste auf seine eigene Weise und in
seinem eigenen Rhythmus. Jeder bekommt unabhängig von Arbeitsaufwand
und Fähigkeiten so viel, wie er braucht. Jeden Tag sollen sie Manna
sammeln. Doch am sechsten Tag ist das Gesammelte doppelt so viel wie an
den anderen Tagen. Am siebten Tag gibt es
kein Manna und das ansonsten nicht über den Tag haltbare Manna hält am
sechsten Tag zwei Tage lang.
"Morgen ist Feiertag, heiliger Sabbat zur Ehre
des Herrn. Backt, was ihr backen wollt, und kocht, was ihr kochen
wollt, den Rest bewahrt bis morgen früh auf! Sie bewahrten es also
bis zum Morgen auf, wie es Mose angeordnet hatte, und es faulte nicht,
noch wurde es madig. Da sagte Mose: Esst es heute, denn heute ist
Sabbat zur Ehre des Herrn. Heute findet ihr draußen nichts. Sechs
Tage dürft ihr es sammeln, am siebten Tag ist Sabbat; da findet ihr
nichts. Am siebten Tag gingen trotzdem einige vom Volk hinaus, um zu
sammeln, fanden aber nichts. Da sprach der Herr zu Mose: Wie lange
wollt ihr euch weigern, meine Gebote und Weisungen zu befolgen? Ihr
seht, der Herr hat euch den Sabbat gegeben; daher gibt er euch am
sechsten Tag Brot für zwei Tage. Jeder bleibe, wo er ist. Am siebten
Tag verlasse niemand seinen Platz. Das Volk ruhte also am siebten
Tag." (Ex 16,23-30)
Das Volk verspürt die Gottesnähe, die sich mit dem
siebten Tag verbindet. Mitten in der Wüste, noch weit vom Sinai, dem
Ort Gottes entfernt, erscheint den Israeliten die Herrlichkeit ("kawod")
Gottes, seine intensive Gegenwart. Das rätselhafte Wundergeschehen erhält am Sinai
dann seine Erklärung. Durch göttliche Offenbarung direkt an das Volk
bekommt Israel einen Einblick in die "verborgene Naturordnung"
der Zeit und soll sich selbst in diese göttliche Ordnung
einfügen.
In Ex 20,8-11 wird diese Ordnung begründet mit dem
Schöpfungsgeschehen, dessen der Mensch "gedenken" (hebr.
"zkr")
soll. Er soll sich die Zeitstruktur des Schöpfungswerks bewusst
machen, dem sich selbst Gott eingeordnet hat.
In Dtn 5 steht "schmr" (bewahren, beachten, hüten) und meint
das Einhalten der Festtagsordnung im Rahmen eines nationalen
Gedenktags.
In Ex 20 geht es dagegen um eine kosmische Größe: Der Wochenrhythmus
und das Beachten des Sabbat als Ruhetag rührt aus einer (wenn auch
verborgenen) natürlichen Ordnung, grundgelegt im Schöpfungsgeschehen. Dazu
kommt eine neue Sicht von Arbeit und Ruhe:
Galt in der Antike die Arbeit als Sache der Sklaven und Frauen
("die da unten") und die Muße als Sache der freien Männer
("die da oben"), so findet sich hier eine ganz andere
Verteilung: Es gibt Arbeitstage und Ruhetage - für alle. Arbeit ist
kein Übel, das den Sklaven aufgelastet wird. Arbeit ist etwas
"Normales" für alle, die im Wechsel von Arbeit und Ruhe
geschieht. Der Sabbat ist damit eine Institution, die zugleich religiös
und sozial ist. Mit ihm findet ein grundlegender Zug des biblischen
Gottes sowie des Glaubens an ihn eine deutliche Gestalt: Das Religiöse
und das Soziale sind völlig untrennbar, sind zwei Seiten einer
Medaille, ununterscheidbar, identisch. Der Sabbat ist heilig, an ihm
wird geopfert, finden in den Synagogen Gottesdienste statt, andererseits
geschieht die Heiligung gerade nicht durch gottesdienstliche
Aktivitäten, sondern durch Nicht-Arbeiten, Ruhen, durch Einbeziehen
aller in diese Ruhe. Ausdrücklich werden neben dem "Du" (d.i.
der israelische Mann und seine Frau) auch Sohn, Tochter, Sklave und
Sklavin, Vieh und die Fremden genannt. Das sind im damaligen sozialen
Kontext provozierende Aussagen. Hier werden fundamentale Rechte für die
weitgehend rechtlosen Sklaven formuliert. Der Sabbat gilt schließlich
auch für Menschen mit fremder (eventuell ganz anderer religiöser)
Herkunft, er gilt sogar für die Tiere und somit die ganze Schöpfung.
In diesem Rhythmus der Woche zu leben, ist die erste und grundlegende
Form der Nachfolge Gottes. Im Rhythmus von Arbeit und Ruhe bildet der
Mensch göttlichen Rhythmus ab und zieht das Göttliche in diese Welt. Gen
1,1 - 2,4a (Erschaffung der Welt), Ex 16,13 - 36 (Mannawunder), Dtn 5,12
und Ex 20,8 (Dekalog) sowie Ex 31,13 ff gehören inhaltlich zusammen.
Die dortigen Inhalte wurden wohl in besonderer Weise den Israeliten
während des Babylonischen Exils von den Priestern nahegebracht. Es
sollte bewusst gemacht werden, dass die Einhaltung des Sabbat sogar im
fremden Land in die unmittelbare Gegenwart und die unübertreffbare
Nähe Gottes führt. Das Gebot, den Sabbat zu halten, wie es dann in Ex
20,8 f und besonders 31,13 ff später seinen schriftlichen Niederschlag
fand, ist in seiner Intention eindeutig: Im Sabbat erscheint die
"Herrlichkeit" (kawod) Gottes, er dient dem Leben und
ermöglicht, Gott nahe zu sein. |
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Die Konzeption der priesterschriftlichen Autoren
Die Konzeption der priesterschriftlichen Autoren hat
die gesamte Menschheit bestimmt. Die gesamte Menschheit lebt die
Zeitstruktur der Woche, seit Jahrtausenden wird sie in unterschiedlichen
Kulturen und Religionen, sozialen Ordnungen und politischen Systemen
praktiziert und hat sich trotz mancher Krisen immer wieder bewährt.
Mehrfach gab es Versuche, zusammen mit der jüdisch-christlichen
Religion auch diese Zeitstruktur abzuschaffen:
So wurde während der Französischen Revolution anstelle des Siebener-Rhythmusses die Dekade eingeführt und in der Sowjetunion in den
Jahren 1929 - 1949 die fünftägige Woche. Gehalten haben sich diese
Änderungen jedoch nicht. Innerhalb der Struktur
der Sieben-Tage-Woche gab es freilich Änderungen im Rhythmus:
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Die
Christen haben sich zunächst, weil im Dekalog verankert, an den Sabbat
und damit an die Struktur 6 + 1 gehalten. In Erinnerung an die
Auferstehung Jesu aber haben sie zusätzlich am ersten Tag der Woche
(vgl. Apg 20,7; 1 Kor 16,2; Offb 1,10) eine Gemeindeversammlung abgehalten.
Dieser "Herrentag" ist anders als der Sabbat zunächst
Feiertag, aber nicht Ruhetag. An der Zählung der Wochentage hat
sich dabei nichts geändert: Der Sonntag ist der erste Tag der Woche
und damit der Tag nach dem Sabbat. Erst Ignatius von Antiochien
(Brief an die Magnesier) grenzt ab: Die, die zu neuer Hoffnung
gekommen sind, die Christen also, feiern nicht mehr den Sabbat,
sondern leben gemäß dem Herrentag. Hier äußert sich bereits
christliche Sabbatpolemik.
Der von den Christen gefeierte "Herrentag" wurzelt im
Christusgeschehen und erinnert an das "Herrenmahl", die
Mahlfeier und Zusammenkünfte des Auferstandenen mit den Jüngern (Lk
24,30.41-43; Joh 20,19.26). Der Barnabasbrief (um 130) spricht vom
"Achten Tag" und brachte ihn mit der
"Neuschöpfung" in Christus sowie der Auferstehung und
Himmelfahrt in Zusammenhang.
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Sicher ist, dass Judenchristen zunächst weiterhin
am liturgischen Leben des Judentums teilgenommen und somit auch den
Sabbat gefeiert haben, zusätzlich zum Sonntag. Das Konzil von
Laodicea (um 380) akzeptierte noch eine Hervorhebung des Sabbats neben
dem Sonntag durch Gottesdienste. Vereinzelt wird für streng
judenchristlich lebende Gruppen noch bis ins 4. Jh. die Bewahrung des
Sabbats überliefert. Daneben ist auch unter Heidenchristen immer
wieder Interesse und Sympathie für den Sabbat zu beobachten. (Noch im
15./16. Jh. finden sich die Sabbatarier, seit dem 19. Jh. die
Sieben-Tags-Adventisten! Die äthiopischen Christen feiern einen
christlich gedeuteten Sabbat noch heute neben dem Sonntag.)
Ausschließlich den Sonntag zu feiern wird
zunächst unter Heidenchristen üblich gewesen sein. Die auf Paulus
zurückgehenden heidenchristlichen Gemeinden haben den Sabbat nicht
gefeiert (Kol 2,16).
Seit dem 2. Jh. setzt sich die heidenchristliche
Praxis des Sonntags durch. Der Sabbat wurde großkirchlich nicht mehr
gefeiert. Die christlichen Gemeinden versammelten sich zu einer
Eucharistiefeier vermutlich am Sabbatabend als Beginn des Sonntags
oder am Sonntagabend. Verbunden war diese mit einem Sättigungsmahl.
Seit dem 3./4. Jh. prägen die Eucharistiefeier am Morgen und die
Vesper den Sonntag. Man fastete an diesem Tag nicht. Das Konzil von
Nizäa verbot 325 das Knien am Sonntag: Es sei nicht die Haltung
derer, die durch die Auferstehung von Sünden befreit seien. Der
Sonntag war zunächst aber kein Ruhetag.
Dies änderte sich unter Kaiser Konstantin. Im Jahr 321 n.
Chr. legt er den Ruhetag auf den ersten Tag
der Woche, den Sonntag fest. Eine Tätigkeit des Handwerks und Gewerbes
sowie der Gerichte ist am Sonntag, "dem verehrungswürdigen Tag
der Sonne", verboten. Ausgenommen wurden die Bauern. Die Soldaten
dagegen werden am Sonntag vom Dienst befreit. Der Sonntag wird
empfohlen als der Tag, um Sklaven frei zu lassen, für die ebenfalls
die Sonntagsruhe gilt.
Somit gilt nicht mehr der Rhythmus 6 + 1,
sondern der Rhythmus 1 + 6.
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Schließlich wurde der Rhythmus innerhalb der Woche
auch durch den Islam verschoben, der
seinen Feiertag auf den Freitag legte, wobei dieser Feier- und Gebetstag
allerdings nicht mit der Arbeitsruhe des biblischen Sabbats verbunden
wird. Dies rührt daher, dass der Islam, im Gegensatz zu den Christen,
sich nicht an die Autorität des Dekalogs gebunden fühlt. |
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Im
Jahr 1976 wurde schließlich durch eine UN-Kommission für den
bürgerlichen Kalender der Wochenbeginn von Sonntag auf den Montag
verlegt. Ob eine derartige Abweichung von einer jahrtausend alten
Tradition notwendig und sinnvoll war, mag dahin gestellt bleiben. |
 | Während die christlichen Kirchen sich heute
gemeinsam, wenn auch eher etwas hilflos, um die Feier des Sonntags
bemühen, sieht die Realität meist anders aus. Das Erscheinungsbild
des Sonntags hat sich mit der Neuordnung der Arbeitszeit
("gleitende Arbeitswoche", "verkaufsoffene
Sonntage" usw.) und auch dem "langen Wochenende", das
mit dem Freitag beginnt, markant verändert. Kalendarisch ist aus
dem ersten Tag der Woche der letzte Tag der Woche geworden (1976).
Der christliche Sonntag besitzt, auch als Konsequenz einer
verbreiteten Glaubenskrise, längst den Charakter einer Subkultur.
Innerhalb der Kirchen wird er im Sinne der Tradition nur noch von
einer Kerngruppe begangen, wie die gesunkene Zahl der
Gottesdienstbesucher zeigt. Die Erwartungen vieler Gläubigen an die
Liturgie haben sich geändert. Auch die Qualität der Gottesdienste
wird sehr häufig und in zunehmendem Maße nicht als dem Gefeierten
entsprechend empfunden. Daneben stellt sich besonders in der
katholischen Kirche vermehrt das Problem der
"priesterlosen" Sonntagsgottesdienste, was die
Sonntagsliturgie erheblich berührt.
Doch die sonntägliche gottesdienstliche Versammlung ist als Ort
gemeinschaftlicher Erinnerung für die Christen unverzichtbar.
Daneben bedarf es einer allgemeinen Sonntagskultur. Nicht nur für
die Christen wäre es eine Bereicherung, neben der eigenen
Feiertagsgeschichte auch den jüdischen Sabbat und seine Werte
kennen zu lernen und von daher die eigene Sonntagspraxis neu zu
kultivieren. Gemeinsame Aufgabe von Juden und Christen muss sein,
die Bedeutung von Sabbat und Sonntag als wertvolles Glaubens- und Kulturgut der
Gesellschaft vorzuleben und zu vermitteln. |
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